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Mir ist klar geworden, dass es während unserer kurzen Zeit hier auf der Erde nicht darum geht, was wir erreichen, sondern was für Menschen wir werden. (Seite 405)

Cover: Bebes VermächtnisZum Inhalt

Amerika 1920. Harriet Sherwood hat gegen das relativ neue Gesetz zur Prohibition verstoßen, wurde verhaftet und sitzt nun im Gefängnis. „Wie konnte das passieren?“, fragt sie sich immer wieder. Und da sie nun Zeit hat, denkt sie darüber nach, wie sie dort gelandet ist. Sie setzt die Puzzlesteine der Erzählungen ihrer Mutter Lucy, ihrer Großmutter Bebe und Ihrer Urgroßmutter Hannah zusammen und erhält ein Bild ihrer Herkunft, eine Vorstellung davon, was und vor allem wer sie geprägt und zu dem gemacht hat, was sie heute ist. Hannah, die entflohenen Sklaven bei der Flucht half. Bebe, seit Jahrzehnten aktiv in der Abstinenzlerbewegung und eine der „Mütter“ des Prohibitionsgesetzes und ihre Mutter Lucy, die in der Frauenrechtsbewegung aktiv ist. Allen gemeinsam, wenn auch nicht immer leicht errungen, ist ein starkes Gottvertrauen. Nun ist es an Harriet, ihren Platz im Leben zu finden. In ihrer Gefängniszelle hat sie ausreichend Zeit zum Nachdenken.

 

Vorbemerkung


Die gespoilerten Textstellen (durch "[ ]" markiert) verraten wesentliche Inhalte des Buches. Um diese Stellen lesen zu können, bitte einfach mit gedrückter linker Maustaste darüer fahren (die Stellen quasi markieren). Der Text wird dann lesbar.

 

Kommentar / Meine Meinung

Es ist ein langer, dorniger Weg, das Leben. Selbst wenn die Umstände glänzend und luxuriös erscheinen, bedeutet das nicht, daß das Leben eitel Sonnenschein ist. Und bisweilen führt der Weg direkt in eine Gefängniszelle. Harriet hat also viel Zeit zum Nachdenken und fragt sich, wie alles so kommen konnte. Indem sie das, was sie über Ihre Mutter, Großmutter und Urgroßmutter weiß, rekapituliert, fangen auch wir an zu verstehen, wie das Leben der Vorfahren, wie die Umstände beeinflussen und im Zusammenspiel das ergeben, was wir „das Leben“ nennen.

Ich habe mich an „Die Apfelpflückerin“ erinnert gefühlt. Nicht, weil es sich um eine gleiche oder ähnliche Geschichte handelt, sondern weil das Buch ähnlich komplex und vielschichtig aufgebaut ist. Großmutter Bebe hat nicht immer streng chronologisch erzählt, und so müssen wir, genau wie Harriet, langsam die einzelnen Puzzleteile zu einem vollständigen Bild zusammensetzen. Dabei entsteht ein sehr lebendiges Gemälde der amerikanischen Geschichte zwischen etwa 1850 und 1920. Und mehr als ein Mal standen nicht nur Harriet am Ende einer Geschichte die Tränen in den Augen.

Lynn Austin hat wieder starke Gestalten geschaffen, die weniger durch ihr Reden oder „Predigen“, sondern durch ihr Handeln und Tun überzeugen. Ohne erhobenen Zeigefinger oder gar missionierend wird die Botschaft, daß Gottvertrauen und das Lernen aus Fehlern wesentliche Elemente sind, in den Gestalten des Buches deutlich.

Da ist Hannah, die vor dem amerikanischen Bürgerkrieg entlaufenen Sklaven unter Einsatz ihres eigenen Lebens auf der Flucht half und dabei Bebe wichtige Lektionen erteilte. Bebe, die während des Bürgerkrieges, als alle ihre Brüder eingezogen waren, alleine mit ihrem Vater die Arbeit auf der Farm erledigen mußte und sich bisweilen schwer tut, das Gottvertrauen ihrer Mutter zu verstehen.

Bebe, die später Horatio Garner kennen- und lieben lernt, worauf sie bald heiraten. Doch der Umzug in ihr neues Heim nach Roseton gestaltet sich schwierig, die reichen Schwiegereltern lehnen sie ab und ihr Mann zeigt sein wahres Gesicht. Es sind schwere Jahre und ein langer Leidensweg, der auf Bebe zukommt.

Schließlich Lucy, Harriets Mutter, Bebes und Horatios Tochter. Verwöhnt, verhätschelt, nur auf Äußerlichkeiten bedacht, wie dies in reichen Kreisen seinerzeit üblich war. Doch auch sie muß eines Tages ihre schmerzhafte Lektion lernen.

Vor meinem inneren Auge ist eine zweigeteilte Welt entstanden: hier die reiche Welt der Garners, Fabrikbesitzer, und dort die der armen und sehr armen Menschen, die in den Flats hausen. Bebe steht lange dazwischen, kommt sie doch selbst aus eher kleinen Verhältnissen.

[Gott hat schließlich die Gebete Bebes wie auch Horatios erhört. Er hat aufgehört zu Trinken, wie Bebe es wollte, und er wurde zum Helden, wie Horatio es sich wünschte. Nur daß Helden meist tot sind. Das erste, was ich nach Abschluß des Buches tat war, nach der Flutkatastrophe von 1876 zu googeln. Aber die scheint, wie auch Roseton, fiktiv zu sein.]

Es ist kein leichtes Leben, das Bebe führt, trotz ihres Reichtums. Und es dauert eine ganze Weile, bis sie ihren Platz im Leben - und ihre Aufgabe gefunden hat. Denn eines der dringenden Probleme ist, daß die Männer am Zahltag nicht nach Hause kommen, sondern in den Saloon gehen und den Lohn in Alkohol umsetzen. Oder aber, wie Horatio, nicht auf den Zahltag warten müssen, weil sie genug Geld haben. Bebe erlebt also die Folgen des Trinkens in der eigenen Familie und wird zu einer Vorkämpferin für das Verbot von Alkohol, dem Prohibitionsgesetz. Zum ersten Male habe ich beim Lesen des Buches verstanden, wie es überhaupt zu diesem Verbot kommen konnte, welche Motive dahinter standen. [Aber ausgerechnet Harriet, die Enkelin von Bebe, wird wegen Verstoßes gegen dieses Gesetz verhaftet. Und Bebe muß erkennen, daß das Gesetz die Probleme nicht löst, sondern teilweise nur verlagert und die Kriminalitätsrate steigen läßt.]

Während Bebe gegen den Alkohol kämpft, findet Lucy schließlich ihre Berufung in der Frauenrechtsbewegung für das Wahlrecht der Frauen. Auch dieser Kampf wird nach Jahren von Erfolg gekrönt.

Hannah, Bebe und Lucy haben also ihre Aufgaben im Leben gefunden, nun ist es an Harriet, ein gleiches für ihr Leben zu tun. Aber was soll sie tun, nachdem alle „großen Schlachten“ geschlagen sind?

„Weißt du noch, wie das Leben sich verändert hat, als der Krieg anfing und die Jungen fortgingen?“, hatte Mama einmal zu ihr gesagt. „Und wie es wieder anders wurde, als Franklin auch weggehen mußte? So ist das Leben nun einmal, Beatrice - es verändert sich immerzu und fließt wie ein Fluss. Nichts bleibt immer gleich. Und wir müssen uns auch weiterentwickeln und verändern.“
„Aber was ist, wenn ich nicht will, dass die Dinge sich ändern?“, hatte Bebe ihre Mutter gefragt.
„Du kannst nicht gegen die Strömung ankämpfen. Du musst Gott vertrauen und bereit sein für das, was der Fluss des Lebens dir als Nächstes bringt.“
(Seite 279)

Auch mit diesem Bild ließe sich das Buch gut zusammenfassen. Lynn Austin ist es wieder beeindruckend gelungen, diesen „Fluß des Lebens“ in all seinen Widerständen und Zusammenhängen zu beschreiben; darauf aufmerksam zu machen, daß Gott, auch wenn es bisweilen gar nicht so aussieht, einen Plan mit den Menschen hat und diese, bis selbige an ihrem Platz stehen, einiges an Lernprozessen und Umwegen zu durchlaufen haben.

Am Ende, wenn die Geschichten erzählt sind, ist es an uns, darüber nachzudenken, ob und was wir davon für unser eigenes Leben mitnehmen können - und wollen. Von irgendwoher erklingt zu diesen Gedanken leise die Stimme Bebes: Schauen wir mal, Harriet, Liebes. Schauen wir mal. Denn, wie schon Hannah zu sagen pflegte: Das einzig Beständige im Leben ist die Veränderung.


Mein Fazit

Die zwanzigjährige Harriet wurde wegen Verstoßes gegen das Prohibitionsgesetz verhaftet und hat in ihrer Gefängniszelle Zeit, über sich und ihre Vorfahren nachzudenken. Es entfaltet sich eine Familiengeschichte über vier Generationen, meisterhaft eingebettet in die Höhen und Tiefen der amerikanischen Geschichte.

 

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Bibliographische Angaben

Aus dem Amerikanischen von Dorothee Dziewas
408 Seiten, kartoniert, Verlag der Francke Buchhandlung GmbH, Marburg 2010
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