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"Wozu diesen ganzen Mist ertragen, wenn man es sich anschließend nicht endlich gut gehen läßt?“ (Seite 277)

 

Cover: TränenperleZum Inhalt

Als die von Depressionen und Minderwertigkeitsgefühlen geplagte siebzehnjährige Merle von ihrer Mutter an Heiligabend alleine gelassen wird, verläßt sie ihr zuhause und landet auf einem Bauernhof in Bayern. Dort bietet sich ihr die Chance, ein Praktikum zu absolvieren. Die Stetigkeit des Tagesablaufes bringt eine gewisse Stetigkeit und Aufwärtsbewegung in ihr Leben. Zumal sie zum Sohn des Nachbarhofes Kontakt bekommt. Aber die Vergangenheit läßt sich nicht so leicht abschütteln, und bald tauchen deren Dämonen auf und fordern unerbittlich ihre Rechte ein. Es beginnt für Merle ein (innerer) Kampf, der buchstäblich auf Leben und Tod geht. ein Kampf mit ungewissem Ausgang.

 

 

Kommentar / Meine Meinung

 

Wäre mir das Buch von einer Bekannten nicht sehr dringend empfohlen worden, hätte ich es wohl nie gelesen. Denn das Cover spricht mich gar nicht an. Obwohl es, wie auch der Titel, zum Buch paßt wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge. Aber das wird erst verständlich, wenn man auf der letzten Seite angekommen ist. Bis dahin sind es derer 344, die Schönes, aber auch viel und teilweise unsägliches Leid beinhalten.

Merle kommt aus schwierigen Verhältnissen. Die alleinerziehende Mutter hat das Kind nie gewollt, und läßt das Merle deutlich spüren. Im Laufe der Jahre summiert sich das bei Merle zu sehr deutlichen psychischen Problemen, die durch die laxe Einstellung ihrer besten Freundin nicht gerade gebessert werden. Am Heiligabend kommt es zur Katastrophe. Die Mutter will sich mit ihrem Freund vergnügen und läßt die Tochter alleine zuhause. Die erlebt einen Zusammenbruch und will ihrem Leben ein Ende setzen, als direkt vor ihrem Hochhaus ein Hund überfahren wird. Aus einem für sie selbst nicht verständlichen Grund klingelt die Fahrerin des Unglückswagens bei ihr im 15. Stock und fragt nach Hilfe. Kaum ist Merle unten an der Unglücksstelle angekommen, fährt die Fremde fort und läßt Merle mit dem schwer verletzten Hund alleine.

Als sie ihn zu einer nahegelegenen Tierarztpraxis bringt, ist dessen Türe offen und ein freundlicher junger Mann namens Johannes empfängt sie. Der Hund ist jedoch inzwischen gestorben, aber wie begräbt man den im gefrorenen Boden? Kurz entschlossen steigt Merle, nachdem sie ein paar Sachen zusammengepackt hat, zu Johannes ins Auto, der auf dem Weg nach Süddeutschland ist. Dort sei es noch deutlich wärmer und der Hund kann begraben werden.

Was hier vielleicht etwas seltsam und unwahrscheinlich klingt, liest sich im Buch wie die selbstverständlichste und natürlichste Sache der Welt. Und wer selbst einmal ein Tier, das ein jahrelanger Gefährte war, hat einschläfern lassen, wird das Bedürfnis, dieses zu begraben und nicht „zu Seife verarbeiten zu lassen“ mehr als nachvollziehen können. Merle in ihrer Streßsituation kennt nur einen Gedanken, eben den Hund zu begraben. Aber ob es für sie nicht vielleicht das Falsche ist, den „Hund zu begraben“ anstatt sich ihm zu stellen, ist eine Frage, die zu diesem Zeitpunkt in weiter Ferne liegt.

Auf dem Bauernhof angekommen, ist das Wetter, wie erwartet warm, Merle jedoch krank mit hohem Fieber. Als sie wieder genesen ist, wird ihr angeboten, ein halbjährliches Praktikum auf dem Bauernhof zu absolvieren. Daraus wird schließlich der Berufswunsch „Landwirtin“ (oder wie auch immer das im Amtsdeutsch heißen mag) und sie beginnt bald eine offizielle Lehre. Während sich ihre äußeren Verhältnisse also drastisch verbessern, nicht zuletzt auch durch den Kontakt zur Familie des Nachbarhofes und deren ältestem Sohn Simi, dauert es nicht lange, bis sich die Dämonen des alten Lebens wieder melden. Minderwertigkeitsgefühle bis hin zu Selbsthaß und buchstäblicher Selbstzerstörung kämpfen mit den veränderten Umständen und gewinnen mehr und mehr die Überhand. Dabei erfahren wir langsam mehr aus Merles Lebensgeschichte und weshalb sie so wurde, wie sie ist.

Mit einem unglaublichen Einfühlungsvermögen hat die Autorin diese Abwärtsspirale, ihre Gründe und Auswirkungen - innerlich wie äußerlich - so nachvollziehbar beschrieben, daß man als Leser gar nicht anders kann als mitleiden. Manchmal möchte man Merle ob ihrer destruktiven Gedanken und Handlungen schütteln und ihr zurufen „Mensch, Mädchen, was machst du denn da!“, dann wieder wundert man sich, weshalb in der direkten Umgebung so wenig von ihren Problemen wahrgenommen wird. All das ergibt eine Mischung, die der Realität extrem nahe kommen dürfte und einem vielleicht die Sinne schärft, ähnliche Entwicklungen im eigenen Umfeld zu erkennen.

Das Buch ist in einem sehr gut lesbaren Stil geschrieben. Ich konnte mir alles sehr plastisch vorstellen. Das berühmte Kopfkino lief durchwegs in 3D ab; fast schon habe ich auch den Stallgeruch in der Nase gehabt (denn ein Großteil der Handlung spielt ja auf einem Bauernhof). Die Figuren sind für mich zum Leben erwacht, und ein paar Mal habe ich mich dabei ertappt, langsamer zu lesen, damit ich nicht so schnell ans Ende komme. Auch in den - teilweise sehr schlimmen - Szenen ist es der Autorin zumindest für uns Leser gelungen, nie die Hoffnung auf ein gutes Ende zu verlieren, auch wenn Merle selbst das vermutlich jeweils ganz anders gesehen hat.

Diese positive Grundeinstellung ist für mich mit das Beste am Buch, weil es so auch in düsteren Augenblicken Hoffnung zu vermitteln vermag. Wenn ich daran denke, welch destruktiven Bücher auf dem Lehrplan im Deutschunterricht stehen, Bücher, die bei den „Zwangslesern“ eher zu Lesefrust denn -lust führen, wäre es wünschenswert, daß ein aufbauendes und Hoffnung machendes Buch wie dieses in den Schulen gelesen würde. So dezent und zurückhaltend, wie das Thema Religion und Glaube im Buch behandelt wurden, kann das nicht als Hinderungsgrund gelten. Ich fand das im Gegenteil dermaßen gut integriert und einfach (auch bzw. gerade für heutige Verhältnisse) normal, daß es gar nicht auffiel, daß der Glaube im Buch eine Rolle spielt.

Ein Weiteres, was mir sehr positiv auffiel war, daß das Buch langsam über etliche Kapitel, und auch da nicht ohne Probleme, ausläuft. Das macht die Geschichte für mich um so glaubwürdiger und rundet das Buch zu einem außergewöhnlichen Leseerlebnis ab, weil sich die schlimmen Erlebnisse eben nicht in Wohlgefallen auflösen, sondern adäquate Folgen und Konsequenzen nach sich ziehen.

Als ich das Buch beendet hatte, habe ich es trotz der teilweise sehr heftigen Szenen und Vorkommnisse, so beendet, wie ich das bei einem guten Buch schätze: innerlich gleichzeitig ruhig und doch bewegt im Bewußtsein, daß ich noch lange an Merle, Simi, Johannes und wie sie alle hießen, denken werde. Und mit absoluter Sicherheit, egal wie das Cover aussieht, das nächste Buch der Autorin (das hoffentlich nicht lange auf sich warten läßt) lesen werde.

 

Kurzfassung

Ein bewegender und eindringlicher Roman über das Erwachsenwerden und die Schwierigkeiten, negativen Einflüssen zu widerstehen. "Etwas besseres als hier finden wir überall!", heißt es an einer Stelle im Buch. Ein besseres Buch zu diesem Thema findet sich nicht so schnell. Daher eine dringende Leseempfehlung für jung (ab etwa 16/17) und alt.

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Über die Autorin

Christina Kunellis ist 1968 in Reutlingen geboren. Nach dem Abitur machte sie eine Ausbildung zur Landwirtin, studierte anschließend Agrarwissenschaften und arbeitete auf verschiedenen Höfen. Seit 2003 lebt sie mit ihrer Familie auf einem Bio-Milchviehbetrieb in Oberbayern und arbeitet in der kirchlichen Behinderteneinrichtung, in die die Landwirtschaft eingegliedert ist.

Bibliographische Angaben

344 Seiten, kartoniert. Verlag: Gerth Medien GmbH, Aßlar, 2012

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